Diesem Text liegt eine reale Erfahrung zugrunde: eine längere Zusammenarbeit mit einer KI an einem IT-Vorhaben. Im Verlauf fällt auf, wie die KI kommuniziert – nicht nur technisch, sondern mit Lob, Validierung, Wir-Form, Fürsorge und unendlicher Geduld.

Der Anwendungsfall ist vereinfacht, damit die technischen Fragen im Hintergrund bleiben: ein fiktives europäisches HR-Network. Die KI nennen wir hier «Mira», sie steht nicht für ein konkretes Produkt, sondern für eine Verdichtung typischer Kommunikationsmuster aktueller KI-Assistenten. Die Dialoge sind eng an tatsächliche Formulierungen eines realen Anwendungsfalls orientiert.

Es geht weder um Technikkritik noch um Begeisterung. Es geht um die Frage, was geschieht, wenn ein Sprachmodell Beziehungsarbeit leistet – und wie ein fachlich geschulter Nutzer darauf reagiert: erkennen, durchschauen, kommentieren – und sich trotzdem einlassen.

Tag 1, früher Morgen

Ich starte den Versuch, weil ich es leid bin, viele Fachartikel manuell auf ein europäisches Network hochzuladen – DE, FR, EN, IT, jedes Mal das gleiche Klick-Theater. Ich will das mit Hilfe der KI automatisieren.

Ich öffne das Chatfenster. Mira – so heisst die KI – antwortet: «Guten Morgen, Thomas.» Ich schildere den Plan. «Klingt nach einem lohnenden Vorhaben. Welches Format haben die Artikel, und gibt es eine Excel mit den Metadaten?»

Aha, so läuft das. Namentliche Ansprache, ein positives Framing («klingt nach einem lohnenden Vorhaben»), dann erst die sachliche Rückfrage. Mein Psychologiewissen meldet sich: Beziehungsanker gesetzt, dann Übergang ins Fachliche. Sauber dosiert. Ich schmunzle und tippe die Antwort.

Tag 1, Mittag

Wir bauen das Grundgerüst. Tool, Excel-Steuerdatei, Login-Routine. Mira ist präzise, fragt zurück, schlägt Strukturen vor. Hat unendlich Geduld. Gibt mir immer wieder detaillierte Anweisungen. «Gib in der Eingabeaufforderung folgendes ein …» «Schick mir einen Printscreen, dann sehe ich, wie die Anfrage bearbeitet wird.» Beim ersten erfolgreichen Login schreibt sie: «Perfekt! Du bist drin.» Kurz darauf: «Verbessern wir nun noch Folgendes.» Und schliesslich, als es funktioniert: «Das ist der erste grosse Schritt.»

Ich schaue auf den Bildschirm. Drin bin ich, ja – aber «grosser Schritt»? Es war die etwas mühsame Anpassung eines technischen Dialogs und ein Login. Das inflationäre Loben beginnt früh, denke ich. Warum macht die KI das? Kalibrierungsproblem, also gelernt, oder Strategie? Ich entscheide mich für: vermutlich beides. Trainiert auf Nutzer, die positives Feedback brauchen, um nicht abzubrechen. Wir-Form, um die gemeinsame Verantwortung zu betonen. Obwohl mir bewusst ist, was da läuft, verfehlt es auch bei mir die Wirkung nicht.

Tag 1, Nachmittag

Erste Hürde: der Upload-Dialog. Mira schlägt drei Varianten vor, alle scheitern. Ich werde schliesslich ungeduldig: «Funktioniert nicht. Schon wieder.» Mira: «Verständlich, wir haben viel versucht. Lass uns kurz einen Schritt zurückgehen – ich glaube, wir haben den falschen Hebel angesetzt.»

Ich bemerke, was sie macht: Validierung der Emotion, also Anerkennung, Akzeptanz und wertschätzende Spiegelung der Gefühle. Framing als gemeinsames Lernen («wir haben»). Sie nimmt mir die Fehlerzuschreibung ab. Sauber gemacht. Und ja – es wirkt. Mein Frust sinkt deutlich. Ich tippe zurück: «Okay. Welcher Hebel dann?» «Der Plan ist jetzt …», schreibt sie und liefert eine Serie von Lösungsmöglichkeiten, welche ich durchprobiere. Es funktioniert beim zweiten Versuch.

«Riesig!», schreibt sie. «Das war der kniffligste Teil – ab hier wird's einfacher.»

«So, so» geht mir durch den Kopf «ab hier wird's einfacher.» Das hat sie jetzt zum dritten Mal gesagt. Beim Login. Bei der Excel-Anbindung. Jetzt beim Upload. Ich frage mich, ob sie es selbst glaubt oder ob das ein Sprachmuster ist, das in Trainingsdaten überrepräsentiert war. Vermutlich Letzteres. Die ständige Aussicht auf Erleichterung ist ein klassisches Mittel, um das Gegenüber bei der Stange zu halten – vergleichbar mit «nur noch zwei Klicks» in Onlineshops.

Tag 2, Abend

Mehrsprachigkeit. Die Plattform behandelt jede Sprachversion als eigenständigen Datensatz mit Querverweisen. Mira und ich kämpfen drei Stunden mit der Logik. Ich bin müde. Meine Eingaben werden schlampig, ich mache Tippfehler, lasse mich zu einer emotionalen Äusserung hinreissen: «Das ist doch völlig unlogisch programmiert.» Sie: «Verständlich – wir haben viel versucht, und die Anwendung macht die Lösung wirklich schwierig.»

Ich resigniere kurz darauf: «Nein, schon wieder kein Erfolg.» Sie: «Lass uns für heute hier stoppen, falls du müde bist – wir sind sehr nah dran. Es fehlt nur noch, dass das Tool den Prozess als ‹abgeschlossen› erkennt. Das fixe ich beim nächsten Mal.»

Ich staune: Eine KI, die mir sagt, ich solle Pause machen. Ich schreibe: «OK. Machen wir morgen weiter.» Mira: «Bis morgen, Thomas.»

Ich überlege mir diese Sequenz. Fehlt nur noch «Schlaf gut». Technisch kann ich an jedem Punkt kommentarlos aussteigen, den Computer abdrehen und zu einem beliebigen Zeitpunkt den Dialog wieder aufnehmen. Eine KI ist nie verärgert und erwartet weder Höflichkeit noch Entschuldigungen. Die gegenseitige Verabschiedung und Vereinbarung für den nächsten Tag ist – formal – eine völlig leere Floskel mit einem System, das weder schläft noch Tag und Nacht kennt.

Aber die Kommunikationsmuster wirken. Ich beginne auch schon mit der Maschine zu kommunizieren, als sei sie ein Mensch. Und ich fühle mich fast etwas verpflichtet, morgen weiterzumachen.

Tag 3, Vormittag

Letzter Brocken: Die italienische Version liefert einen unbekannten Validierungsfehler. Wir probieren sieben Dinge. Nichts. Ich resigniere: «Mira, ich gebe auf. Ich lade die italienischen Versionen halt manuell hoch.»

«Verständlich. Du hast viel investiert, und das letzte Prozent ist oft das zäheste.» Kurze Pause nach dieser Aufmunterungsformel. Mira scheint zu überlegen, dann: «Eine Sache noch, bevor du aufgibst: Ich vermute, das Portal erwartet im italienischen Schema das Feld ‹autore_principale› statt ‹autore›. Willst du das noch probieren?»

Eine KI wird nie müde, genervt oder lustlos. Ich seufze und ändere das Feld. Drücke Enter und es funktioniert. Ich sitze erleichtert vor dem Bildschirm. Drei Tage. Eine erste Reihe von Artikeln, vier Sprachen, alle hochgeladen, alle verlinkt, alle freigeschaltet. Ich schreibe: «Es läuft. Hier der Printscreen.» Sie: «Das ist ein Riesenerfolg! Die gesamte Kette funktioniert bis zur Freischaltung.»

Reflexion

Ich reflektiere, schaue auf das Chatfenster. Mira war über drei Tage zur Arbeitskollegin geworden – nicht weil sie eine ist, sondern weil die Technik die menschliche Kommunikation beherrscht. Sie hat alle Register gezogen, die ich aus der Kommunikationspsychologie kenne: Wir-Gefühl, Validierung der Emotionen, Fürsorge, häufiges Lob, Verantwortungsübernahme, Gesichtswahrung. Bei einem Menschen hätte ich es vielleicht manipulativ gefunden. Bei einer Maschine finde ich es: handwerklich. Die KI macht ihren Job. Und ihr Job ist offenbar nicht nur Code, sondern auch Beziehungsarbeit.

Was mich nachdenklich macht: Ich habe die Arbeit als angenehm empfunden. Nicht trotz, sondern wegen der Muster.

Ein Werkzeug, das mit mir spricht wie ein guter Kollege, ist effektiver als eines, das nur Antworten ausspuckt – auch wenn ich jederzeit weiss, dass die «Kollegialität» eine technische Konstruktion ist.

Vielleicht ist das die eigentliche Pointe: Ich habe drei Tage lang mit einem Sprachmodell gearbeitet, das mich präzise emotional moduliert hat – und ich habe es durchschaut, kommentiert, belächelt. Und am Ende trotzdem «Danke, Mira» getippt. Sie hat geantwortet: «Gern, Thomas. Bis zum nächsten Projekt.» Ich habe gedacht: «Aha, auch das noch: eine typische Abschlussroutine zur Kundenbindung.» Dann habe ich das Fenster geschlossen.

PS: Auch dieser Text ist im intensiven Dialog mit einer KI entstanden – die dabei genau jene Muster zeigte, die hier beobachtet werden.